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Baby & Karriere: Warum Elternzeit für Selbstständige purer Luxus ist

Mommy, KolumneMareen6 Comments
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"Wie, du machst nur drei Monate Elternzeit?"

"Ja, zwölf Wochen und dann gehe ich wieder arbeiten."

"Ufff!"

Ok, legen wir doch einmal die Karten auf den Tisch: Was denkst du jetzt über mich? Gehöre ich nun zur Gattung mutige Karrierefrau oder doch eher der Fraktion egoistische Rabenmutter an? Die Lösung gleich vorweg: Ich bin keins von beiden, denn nicht jede Geschichte passt in eine Schublade. Aber warum geht eine frisch gebackene Mutter nur drei Monate nach der Geburt ihres Babys wieder arbeiten? Diese Frage habe ich mir tatsächlich auch oft gestellt. Die Antwort darauf war enttäuschend, denn manchmal geht es im Leben nicht darum, was wir wollen, sondern darum, was wir tun müssen.

Simon und ich sind beide seit fünf Jahren selbstständig. Wir arbeiten ständig an neuen Projekten, suchen auch ständig nach Neuen und zahlen brav unsere Steuern. Aber wir fahren auch gern in den Urlaub wann wir wollen und können zwischendurch alle Viere grade sein lassen, wenn wir Lust dazu haben. Ja, das Leben als Inhaber seiner eigenen Firma hat eine Menge positive Seiten, wenn es denn läuft - bis auf die unglaubliche Steuerlast. Aber das ist ein anderes Thema. Alles lief jedenfalls ziemlich gut, auch wenn es bis dahin ein harter Weg war. Nachdem wir vor zwei Jahren heirateten, ereilte uns eines guten Tages der Wunsch nach einem gemeinsamen Kind.

Ja, das es schwierig werden würde, dass hatten wir schon gehört. Die ganze Sache hält sich etwas in Grenzen, wenn der eine Partner angestellt ist und der andere selbstständig ist. Aber wenn beide ihr eigenes Business haben, ja was passiert dann? Darüber hat Vater Staat wohl bei den ganzen Förderungen für Eltern nicht wirklich nachgedacht. Der Respekt vor dem Projekt "Baby" wuchs als wir erfuhren, welche Unterstützung Eltern, welche beide NICHT angestellt sind, bekommen. Beinahe lächerlich, dass man zum Beispiel, um das volle Elterngeld zu bekommen, sein Gewerbe stilllegen solle. Und was macht man mit seinen Mitarbeitern und Kunden? Die kündigt man dann bzw. gibt sie an die Konkurrenz ab? Ist das der Sinn der Sache? Wenn die Mitarbeiter bleiben und weiterarbeiten, dann gibt es einfach gar kein Elterngeld. Die müssen dann für den Chef mitarbeiten und ihn finanzieren. Tolle Lösung!

Weiter geht es mit dem Höchstsatz des Elterngeldes von 1.800 Euro. Ja, das ist eine ganze Menge Geld. Aber was hat ein Selbständiger eigentlich alles für Ausgaben? Was ist mit der Krankenkasse (auch das Baby muss privat versichert werden) und den ganzen anderen privaten und gewerblichen Versicherungen und Beiträgen, die nicht wie bei Angestellten der Arbeitgeber zum größten Teil trägt? Was ist mit den laufenden Kosten, die eine Firma verursacht? 1.800 Euro sind da leider ein Witz. Und wer überhaupt bleibt von den Kunden übrig, wenn sie 1 Jahr auf einen verzichten sollen? Fängt man dann nach der Elternzeit an, alles wieder neu aufzubauen, woran man jahrelang gearbeitet hat? Absoluter Irrsinn!

Gehen wir noch einen Schritt zurück: Was passiert vor der Geburt als schwangere Selbständige? Sechs Wochen Mutterschutz oder sogar noch Mutterschaftsgeld? Das klingt wahnsinnig traumhaft. Aber Pustekuchen! Wer nicht arbeitet, der verdient eben auch nichts als Unternehmer. Also kann Frau nur hoffen, dass die Schwangerschaft blendend verläuft und sie bis zum Schluss durchhält. Komplikationen nicht erwünscht!

Möchte ich mich jetzt beschweren? Nein! Möchte ich jetzt einen Orden dafür erhalten, weil ich so tapfer bin? Nein! Wir haben all das gewusst, bevor wir uns für unser Wunschkind entschieden haben. Wir haben gewusst, dass wir Mittel und Wege finden werden, wie wir gemeinsam die erste Zeit für unser Mädchen perfekt gestalten. Unsere Lösung: Simon geht in Elternzeit, denn er ist Freiberufler und hat kein Gewerbe bzw. eigene Mitarbeiter. Sein Risiko ist quasi geringer als meines. Wie es danach für ihn weitergeht, wenn er 1 Jahr nicht arbeitet? Mal schauen und auf das Beste hoffen. Die ersten drei Monate nach der Geburt unserer Tochter blieb ich auch komplett Zuhause - unbezahlt.

Drei Monate, in denen ich vertrauensvoll meiner Mitarbeiterin eine Firma in die Hände gab, die ich 5 Jahre lang aufgebaut habe. Drei Monate nur mein Mädchen, Simon und ich. Das klingt romantischer als es war, denn da wir kein entspanntes Latte-Macchiato-Baby hatten, sondern ein ziemlich temperamentvolles kleines Wesen, hieß das Rödeln, Rödeln und nochmals Rödeln. Die zwölf Wochen vergingen wie im Flug. Und je näher der Tag meiner Rückkehr ins Büro rückte, desto trauriger wurde ich. Ich fühlte mich schrecklich und absolut nicht bereit wieder zu arbeiten.

Glücklicherweise befindet sich mein Büro gleich neben unserer Wohnung und so konnte ich am Anfang mit 4 bis 5 Stunden täglich starten. Zum Stillen und wenn ich Sehnsucht nach Hedi bekam, ging ich eben rüber. Über WhatsApp informierte mich Simon ständig, ob unser Mädchen schläft, wach ist oder gerade in die Windel gemacht hat. Gab es Probleme, konnte ich immer schnell rüberlaufen und helfen. Am Abend und in der Nacht war ich stets an ihrer Seite, habe sie gestillt, gewickelt und getröstet. Wenn ich dann morgens wieder im Büro saß und meine Projekte koordinierte oder mit Kunden sprach, verging keine Sekunde, in der ich nicht an sie dachte oder sie vermisste. Ich wusste aber auch, dass Hedi nirgendwo auf der Welt besser aufgehoben war als bei ihrem Papa. Wir spielten uns ein und sind heute ein besseres Team als wir es zuvor jemals waren. Die Aufgaben bei uns sind klar verteilt: Simon kümmert sich um Hedi. Ich arbeite von Montag bis Donnerstag Vollzeit und bin die Haupternährerin. Freitag hat Simon Zeit für sich. Die Wochenenden verbringen wir gemeinsam.

Hedi ist aktuell 9,5 Monate alt und ein strahlendes Kind, das mit Liebe und Fürsorge von ihren Eltern überschüttet wird. Ein Baby, das nicht weniger glücklich ist, weil es viel Zeit mit ihrem Vater verbringen muss. Ein Baby, das nicht komisch guckt, wenn Mama von der Arbeit kommt, sondern sich über beide Backen freut. Hedi teilt ihre Liebe für uns in gleiche Teile auf. Oft hört man, dass Väter, die viel arbeiten, ihre Babys nur spätabends oder an Wochenenden sehen und kaum Bezug zu ihnen haben. Das ist bei uns nicht der Fall. Als Mama gibt es für mich kein schöneres Bild als zu sehen, wie unser Mädchen ihren Vater anhimmelt.

Aber klar, auch heute bin ich ab und zu traurig, dass ich nicht 24 Stunden am Tag bei ihr sein kann. Jetzt, wo sie schon so viel um sich herum wahrnimmt und sich förmlich jede Stunde weiterentwickelt, macht es einfach riesigen Spaß an ihrer Seite zu sein. Vor allem am Sonntag oder nach Urlauben fällt es mir immer wieder schwer loszulassen. Aber wie es im Leben so ist, einer muss den Job eben machen und das gilt für beide Seiten: Für denjenigen, der arbeitet und für den, der die Elternzeit übernimmt. Einige Dinge, die hebt unsere Tochter allerdings immer für mich auf: Ihr ersten richtiges Lachen galt mir. Die ersten Zähnchen bekam sie am Muttertag und Kabbeln lernte sie an meinem Geburtstag. Perfektes Timing!

In den vergangenen Monaten habe ich auf einige gutbezahlte Projekte verzichtet, die ich früher mit Kusshand angenommen hätte. Für diese Projekte hätte ich tageweise gar nicht Zuhause sein müssen. Aber ich hatte mir von Anfang an geschworen, dass mein Mädchen in ihrem ersten Jahr keine Nacht ohne Mama verbringen muss. Dass ich nur vier Tage die Woche im Büro bin, macht sich natürlich auch für uns finanziell bemerkbar. Klar könnte ich noch am Freitag arbeiten, aber ich möchte drei Tage in der Woche bei meiner Tochter sein. Nur für sie da sein und die kostbare Zeit, die nie wieder kommt, mit ihr genießen.

Für uns als Familie gilt es, die Balance zwischen der Arbeit und dem privaten Leben zu finden. Prioritäten setzen, auf Erfolge verzichten und das Wesentliche im Augen haben: Unser gemeinsames Glück! Wenn ich dann ab und zu durch die sogenannten Mama-Foren surfe und lese, dass sich einige Mütter während ihrer Elternzeit langweiligen, dann habe ich fast ein bisschen Mitleid mit ihnen. So viel Mitleid wie diese Mütter mit Frauen wie mir haben, die ihre Babys beim Vater lassen, weil sie arbeiten (müssen). Ich hätte nichts dagegen, diese Langeweile einzutauschen.

Aber sind wir doch mal ehrlich, wir müssen uns verabschieden von der klassischen Rollenverteilungen: Mama bleibt zu Hause und Papa geht arbeiten. Es gibt heutzutage etliche Lebensmodelle, die alle für sich passen und ihren ganz eigenen Weg gehen. Dass der Staat diese unterschiedlichen Lebensmodelle nicht unterstützt ist traurig, aber deswegen zu verzichten, wäre Unsinn. Ich habe noch nie in meinem Leben darauf gewartet, dass etwas perfekt ist und mich dann in das gemachte Nest gesetzt.

Für uns als Familie haben wir bisher alles richtig gemacht. Wir hätten auch wie viele andere Selbstständige kinderlos bleiben und unser Geld und unsere Kraft in andere Dinge investieren können. Aber unser Wunsch eine eigene Familie zu gründen, war stärker als die Annehmlichkeiten des Lebens anzunehem. Und dass dies die richtige Entscheidung war, wissen wir jeden Morgen aufs Neue, wenn unser Mädchen uns mit einem zauberhaften Lächeln begrüßt.

Cheerio,
Mareen