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Persönliches Lifestyle Blogazine für Eltern & Nicht-Eltern

Gebrüll ohne Ende // Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Schreibaby!

Tiny, KolumneMareen13 Comments

Als ich den Beitrag zu ihrer süßen kleinen Tochter von Isabel auf littleyears las, musste ich ziemlich schlucken. Ich fand mich in ihren Worten wieder als hätte ich Zeile für Zeile selbst geschrieben. Ein anspruchsvolles Baby wie es Hebammen, Ärzte und Mütter oft nennen oder auch ein sogenanntes "Schreibaby" kann für frischgebackene Eltern die Hölle sein.

Ja, ich bezeichne es bewusst als die Hölle, denn zeitweise fühlte es sich genauso an. Auch wir haben damit unsere Erfahrung gemacht, denn Hedi war eines von 10 Babys, die mit einer sogenannten Regulationsstörungen zur Welt kommen. Noch heute gestehe ich mir diese Tatsache ungern ein. Wie oft habe ich es mir schön geredet: "Babys schreien nun mal. Sie muss sich erst an diese Welt hier draußen gewöhnen. Vielleicht spürt sie meine Unsicherheit. Wahrscheinlich weiß ich einfach nicht, was sie gerade braucht."

Bis heute fällt es mir schwer und eigentlich wollte ich öffentlich nie darüber reden oder schreiben. Aber warum möchte ich mich deswegen verstecken? Die Schuld sucht man als Elternteil nämlich nur bei sich. Man denkt, dass man versagt hat und das auf ganzer Linie. Denn warum sollten ausgerechnet wir ein "Schreibaby" bekommen? Man ist enttäuscht von dem was man erwartet und von dem was man bekommen hat. Fast geschockt von diesem kleinen Wesen, das einen stundenlang anbrüllt, obwohl man es mehr liebt als sein eigenes Leben.

Bei uns ging es gleich nach der Geburt los. Ich erinnere mich wie Hedi in ihrer ersten Nacht auf dieser Welt ziemlich viel weinte und ich, noch immer überwältigt vom Geschehen, absolut ratlos neben ihr lag. Sie schrie und schrie mich an bis der Morgen anbrach und sie endlich einschlief. Danach hatten wir zwei etwas ruhigere Wochen um uns kennenzulernen. Doch dann zeigte Madame erneut was sie lautstärkenmäßig auf dem Kasten hatte.

Wir taten alles was Ratgeber, Schreihebammen, Osteopathen, Kinderärzte uns empfahlen. Doch bändigen konnten wir die kleine Dame nicht. Und wenn ich ganz ehrlich bin, schauten auch die oben genannten uns nur hilflos an und wussten es wahrscheinlich: Niemand kann uns helfen. Jedes Schaukeln, Zischen, Tragen, jedes erneute Handeln brachte sie noch mehr in Rage und am Ende blieb uns die Erkenntnis, dass wir diesen Umstand bzw. unser Baby einfach nicht ändern können. Mit unserer Akzeptanz, dass für sie diese Welt noch zu bunt und zu groß ist und der Einhaltung einer strikten Routine konnten wir für uns einen gewissen Frieden finden und für sie eine Sicherheit schaffen.

Was das bedeutete? Um es kurz zu erklären: Hedi hatte enorme Probleme einzuschlafen. Sie konnte nicht einfach wie andere Babys die Augen zu machen und friedlich schlummern. Müdigkeit stellte für sie eine Art Bedrohung dar und löste Angstzustände aus. Sie wusste einfach nicht, was zu tun ist. Oder anders gesagt: Sie war todmüde, aber sie konnte nicht einschlafen.

Daher schlief sie am Tag nur auf unserem Bauch ein bzw. nur da auch mal eine Stunde durch. Legte man sie ab, bekam sie es sofort mit. Bevor sie einschlief, gab sie gern ein etwas längeres Schreikonzert. Sie schaffte es eben nicht anders als durch weinen in den Schlaf zu finden. Das war eine unfassbar schlimme Vorstellung für mich. Wollte ich sie doch gern sanft in den Schlaf begleiten.

Hedi hasste den Kinderwagen, anfänglich das Tragetuch und sonstige Bespaßungsmaßnahmen zum Einschlafen. Sie wollte eben nur uns. Auch Schnuller verschmähte sie, dafür gefiel ihr der kleine Finger von Papa besonders gut. Bevor sie abends ins Bett ging, verarbeitete sie die Erlebnisse des Tages (stundenlang) und oft ertrugen wir dies nur mit Ohropax. Ein erbärmliches Gefühl, wenn man in einem dunklen Zimmer sitzt mit dem eigenen vom Schreien nass geschwitzen Kind auf dem Arm. Nein, so stellt man sich das Elternsein nicht vor.

Und ständig kreist diese Frage im Kopf umher: Was verdammt nochmal machen wir falsch? Sprüche von Außen wie "Die Kleine hat nur Hunger. Das hör ich doch.", "Sie hat sicher Bauchweh." oder am Schlimmsten "Ihr seid zu unentspannt, deswegen weint sie so." - die brachten mich und bringen mich bis heute zur Weißglut. Denn liebe Ahnungslose lasst euch gesagt sein: Ihr habt so unrecht.

Acht Monate hat unser kleiner Raketenkäfer gebraucht, um vollends auf diesem Planeten anzukommen. Mit abnehmenden Schlafphasen und dem Verständnis für das Leben ausserhalb von Mamis Bauch wurde es Monat für Monat besser. Als sie das erste Mal ohne zu Weinen einschlief, glich es fast einem Wunder. Es fühlte sich so an als bekämen wir in diesem Moment endlich das ersehnte Leben als Familie, welches wir uns so gewünscht hatten, geschenkt. Als ich sie das erste Mal in einer Babytrage draußen spazieren trug, platze ich förmlich vor stolz.

Gerade als frischgebackene Eltern schaut man gern mal nach links und rechts wie es die anderen so machen. Mütter, die mit friedlich schlummernden Babys in Tragetüchern spazieren gingen oder in Kaffees sasen, ließen mich ganz schön blöd aus der Wäsche gucken. Große Fragezeichen in meinen Augen und das jämmerliche eigene Versagen gepaart mit viel Wehmut bezeichneten meine Zustand wohl am besten.

Die kleine Dame hat es uns wahrlich nicht leicht gemacht. Aber sie hat es geschafft, dass wir mit ihr und unseren Aufgaben als Eltern enorm über uns hinausgewachsen sind. Wir sind dadurch quasi zu Superhelden mutiert. Bis heute ist sie ein Wirbelwind und ziemlich temperamentvoll, unerschrocken, oft fast ein bisschen frech und für ihr Alter ziemlich schlau. Sie hat keine Angst vor großen Kindern oder Erwachsenen, ist unheimlich aufgeschlossen, wissbegierig und quasselt den ganzen Tag vor sich hin. Sie fällt (positiv) auf: Ob im Kinderladen, auf dem Flughafen, beim Einkaufen oder auf dem Spielplatz. Hedi ist hier und alle dürfen gucken.

Sie weiß wie man im Rampenlicht steht und beeindruckt mich immer wieder mit ihrer Empathie, ihrem starken Willen und ihrer charismatischen Art. Nie hätte ich noch vor einem Jahr geglaubt, dass der Lohn für all diese Anstregungen ein so wundervolles Kind ist. Diese kleine Dame wird ihren Weg gehen. Ein Leben lang, da bin ich mir absolut sicher. Und jetzt kommt es: Wir haben uns dennoch entschieden ein zweites Kind zu bekommen. Auch auf die Gefahr hin, das es wieder ein "anstrengendes Baby" werden könnte.

Warum? Nicht weil wir glauben, es könnte uns nicht nochmal treffen. Nein, weil wir wissen, dass diese ersten schlimmen Wochen oder sogar Monate vorbeigehen werden. Nicht umsonst lautet unser Mantra: Das sind alles nur Phasen. Wir glauben, dass uns nicht mehr viel umhauen kann und wir haben am Beispiel von Hedi gesehen, was für ein wundervolles Geschöpf aus einem kleinen Schreihals entstehen kann.