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Geburtsbericht // Und dann kam Jano auf die Welt ...

Kolumne, TinyMareenComment

Der 25. September 2016 sollte es sein. Das errechnete Datum, an dem unser Sohn laut Hebamme das Licht der Welt erblickt. Die Statistik zeigt, dass das aber nur in 5 Prozent der Fälle vorkommt und schon von Hedi wusste ich, dass es einfach sehr unwahrscheinlich ist. Unsere kleine Dame hat uns vor zwei Jahren ganze neun Tage schmoren lassen bis sie sich entschied zu landen.

Der Sohnemann hatte es zum Glück etwas eiliger. Ja zum Glück, denn die letzten Wochen und vor allem Tage vor der Geburt waren kräftezehrend. Geplagt von Schlaflosigkeit, Sodbrennen, Juckreiz und diesem riesigen Kessel hatte ich einfach keine Lust mehr. Die Belastung mit Kleinkind und auch, dass ich tatsächlich immer noch arbeitete, taten ihr übriges. Aber die Arbeit und Hedi lenkten mich enorm ab und deshalb wollte ich auch bis zum Schluss so weiter machen wie bisher.

Mittwochnacht wachte ich dann plötzlich mit Schmerzen im Unterleib auf. Das müssen Senkwehen sein dachte ich und versuchte weiter zu schlafen. Aber ich wurde immer wieder wach, denn die Schmerzen waren etwas heftiger als sonst. Ich dämmerte weiter vor mich hin und wartete bis Hedi aufwachte, um mich und Simon zu wecken.

Wir lagen noch kuschelnd im Familienbett, da sagte ich zu ihr: "Ich glaube, heute kommt dein Brüderchen zur Welt." Schon seit Stunden hatte ich alle 20 bis 30 min wellenartige Wehen und sie sollten bis zum späten Abend andauern. Im Laufe des Tages wurden die Wehen immer mal wieder heftiger und die Abstände verkleinerten sich. Während dieser langen Zeit beantwortete ich E-Mails im Home-Office, lag zwischendurch auf der Couch und schaute Shopping Queen (eine super Ablenkung), lackierte mir die Fußnägel (ja, ich habe Nerven) und packte letzte Sachen in die Kliniktasche (auf den letzten Drücker). Die Schmerzen waren bis dato auszuhalten und wenn sie größer wurden, versuchte ich die Wehen so gut es ging zu veratmen.

"Die Erfahrung, wann und wie auch immer Sie gebären, wird Ihre Gefühle, Ihre Gedanken, Ihren Körper und Ihren Geist für den Rest Ihres Lebens beeinflussen."

Ina May Gaskin

Am Abend machten Simon und ich Hedi wie gewohnt fertig und ich brachte sie ins Bett. Denn aktuell wollte sie nur von Mama in den Schlaf begleitet werden. An diesem Abend allerdings verlangte sie vehement auch nach Papa. Und so kam es, dass wir irgendwann zu dritt in unserem Familienbett lagen. Hedi zwischen uns und Händchenhaltend. Dabei hatte ich immer wieder ein paar Wehen, aber neben meiner Tochter waren sie total erträglich als ob sie ein Beruhigungshormon versprühte. Im Nachhinein betrachtet war es irgendwie eine Art Abschiedsritual, denn am nächsten Morgen sollten wir schon zu viert sein.

Nachdem Hedi dann nun friedlich schlummerte, telefonierte ich mit meiner Hebamme. Ich war mit ihr schon den ganzen Tag in Kontakt und sie riet mir nun ins Krankenhaus zu fahren. Also riefen wir Simons Mama an, damit sie die Nacht bei Hedi blieb. Gegen 22 Uhr fuhren wir in das Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe. Dort hatte ich schon unseren Raketenkäfer zur Welt gebracht. Die Hebammen dort arbeiten nach anthroposophischem Ansatz und greifen auf alternative Heilmittel zurück. Hier geht es vor allem darum, dass Frauen individuell ihr Kind gebären und nicht wie Maschinen abliefern müssen.

Dort angekommen wurde ich als Erstes an das CTG gelegt. Wehen waren erkennbar, Muttermund aber erst fingerdurchlässig und das Baby saß noch recht hoch im Becken. Man riet uns nach einem ausführlichen Gespräche spazieren zu gehen oder nochmal nach Hause zu fahren. Toll, der Klassiker! Begeistert war ich nicht von der Idee, denn ich war mir sicher, es würde bald losgehen. Schließlich hatte ich schon über 16 Stunden Eröffnungswehen. Kurz drauf wurden die Wehen immer stärker und ich fühlte mich nicht in der Lage nochmals eine halbe Stunde mit dem Auto zu fahren. Die Hebamme untersuchte mich erneut, der Muttermund war nun schon 2 cm geöffnet. Ein gutes Zeichen, die Geburt sollte beginnen. Ich wechselte in den Geburtsraum und war erleichtert, dass ich bleiben durfte. Denn ich war fest entschlossen und wollte heute Nacht mein zweites Kind zur Welt bringen.

“Geburt ist wie über eine ganz schmale Brücke gehen – es können Dich Menschen zur Brücke begleiten, es können Dich welche am anderen Ende in Empfang nehmen, aber über die Brücke gehst Du alleine.”

  Afrikanisches Sprichwort

Im sogenannten "Mondzimmer" versuchte ich jede Welle bzw. Wehe so gut es ging zu veratmen. Die Schmerzen wurden immer schlimmer, aber ich wusste je besser ich arbeite (atmete), umso schneller geht die Geburt voran und desto besser wird das Baby mit Sauerstoff versorgt. Nach knappen zwei Stunden und etlichen schmerzhaften Wehen war der Muttermund komplett verstrichen. Bei Hedi hatte ich dafür 5 Stunden gebraucht. Als dann die Fruchtblase platze, ging plötzlich alles super schnell. Acht Minuten später war unser Sohn Jano Arie Willem um 1:14 Uhr am 22. September 2016 geboren. Stolze 54 cm und 3870 Gramm hielt ich in meinen Händen und auch beim zweiten Baby ist plötzlich alles wieder vergessen. Die anstrengenden 10 Monate, die Schmerzen der Geburt ... Puff! Verflogen wie eine Seifenblase. Auf und davon!

Wie schmerzhaft, anstrengend und qualvoll die letzten Stunden vor seiner Geburt waren, möchte ich gar nicht in Worte fassen. Eher möchte ich dazu ermutigen, wie viel Kraft in jeder Frau steckt ihr Kind auf ganz natürlichem Wege zur Welt zur bringen. Einige denken jetzt vielleicht, dass es beim zweiten Kind einfacher geht. Ich habe den Weg dahin als genauso "schlimm" empfunden. Es tut nicht weniger weh und es ist nicht weniger anstrengend. Was geholfen hat, ist die Erfahrung der ersten Geburt. Und natürlich, dass der Körper diesen Vorgang kennt und es dadurch schneller gehen "kann".

Für mich kam nie eine PDA in Frage, denn der Rattenschwanz der da dran hängt, kann für Mutter und Kind am Ende schlimmsten Falls in einem Kaiserschnitt enden. Und das war so ziemlich meine größte Angst. Ich glaube und weiß nun auch mit der Erfahrung von zwei Geburten, dass es unfassbar wichtig ist auf seinen Körpergefühl zu hören. Das verrät einem oft mehr als Ärzte, Hebammen oder Maschinen meinen zu wissen. Dazu gehört natürlich auch, sich mit seinem Körper auseinander zu setzen, zu wissen wie eine Geburt abläuft und sich darüber im Klaren zu sein: Nur man selbst kann ein Kind zur Welt bringen. Die Umwelt kann einen nur bei diesem Prozess begleiten und unterstützen.

Ich bin unendlich dankbar, dass ich zwei so wundervolle und vor allem unkomplizierte Geburten erleben durfte. Ich bin glücklich über unsere gesunden Kinder und dass ich auch ohne ständige ärztliche Überwachung immer wusste, dass es ihnen gut geht. Denn die Verbindung zu seinen Kinder beginnt nicht erst mit der Geburt, sondern im Mutterleib.

 

PS: Ich habe lange überlegt, ob ich über dieses persönliche Erlebnis berichten soll. Letztlich habe ich mich dafür entschieden, denn (hallo!) Kinder zu machen und zu bekommen ist das natürlichste auf dieser Welt. Mit diesem Beitrag möchte ich aber auch werdenden Müttern Mut machen an sich zu glauben. Ihr seid Superheldinnen, auch wenn es vielleicht noch nicht wisst! Mein Buchtipp für euch: Die selbstbestimmte Geburt von Ina May Gaskin